Leseprobe – Der München-Kompass

Leseprobe – Der München-Kompass

Reise- und Fremdenführer helfen desorientierten Menschen seit je her, sich im Dickicht neuer Welten, Länder und Städte zurechtzufinden. Ob Linksverkehr oder Rechtsstaat, Kuhdorf oder Weltmetropole, nirgends ist es so gleich wie dort, wo man schon mal war. Jede Kultur hat ihre eigenen Regeln, ihre eigene Sprache und vor allem – ihre eigenen, gut gehüteten Geheimnisse. Diese Geheimnisse werden in diesem Fremdenverführer in bunter Farbenpracht offenbart und mit gezücktem Skalpell und zwinkerndem Hühnerauge bis aufs Mark seziert.

Viele Reiseführer haben schon versucht sich solch mikroskopischer Betrachtung anzunehmen, doch letztlich gestatteten sie dem Weltreisenden nur einen verschwommenen Fernglasblick über die Oberfläche und trumpften dabei vornehmlich mit ergoogeltem und Gähnreflex fördernden Wikipediawissen auf. Kurzum – es sind die manifestierten Anästhetika der Tourismusbranche. Dieses Buch ist anders. Seine Seiten bestehen aus 100% brasilianischem Urwald, der von Oregami-Künstlern auf DIN-Norm zurechtgefaltet wurde und liegt somit auch absolut im Bio-Trend. Außerdem ist der Inhalt bis ins letzte Detail von noch lebenden Personen durchrecherchiert und nach dem Feng Shui-System handgeschrieben worden. Als wäre das nicht schon genug, wurden hier für die Stoffsammlung sogar modernste Geräte wie GPS, I-Phone-Fotografie und gespitzter Kugelschreiber verwendet. Der Hauptunterschied zu herkömmlichen Reiseführern ist die erfreuliche Tatsache, dass es sich bei diesem Buch um einen Verführer alter Schule handelt, einen Charmeur, der seine Stadt wie eine Frau betrachtet und auch deren Geheimnisse und Eigenarten wie seine Westentasche kennt – zum Glück des Lesers aber nicht für sich behält. Dieser Fremdenverführer bezirzt und liebkost, wählt Bilder der Sehnsucht, Worte der Poesie und wenn nötig, verteilt er auch ab und an eine informative Ohrfeige der Orientierung. Das Erstaunlichste allerdings ist, dass der Halbwahrheitsgehalt bei weit über 100% liegt.